Der Rittersprung

Von jedem Schloß machen Sagen und Erzählungen die Runde. Auch vom Friedrichsbau. Auf dem großen Schloßaltan vor der Nordseite zeigt der Boden an einer Stelle eine Vertiefung, die Ähnlichkeit mit den Fußstapfen eines Mannes hat, und der erste Gang unserer Jugend bei einem Besuch auf dem Schlosse gilt diesen sonderbaren Fußtritt eines Mannes, um zu probieren, ob der kindliche Schuh die Vertiefung bald ausfüllen kann. Es ist eine Spielerei, die die Bauleitung zur Freude unserer Buben und Mädchen sich da ausgesonnen hat.

Aber die Heidelberger behaupten, die erwähnte Vertiefung sei durch den Absprung eines Ritters noch vom Friedrichsbau in die Tiefe entstanden and haben sich die Sache so zurechtgelegt: Als einmal bei einem Gastmahl oder einer sonstigen Veranstaltung in den oberen Schloßräumen plötzlich Feuer ausbrach, wußten sich alle Damen and Herren schnell in Sicherheit zu bringen - bis auf einen Ritter. Dieser war mit den Gemächern, den Treppen und Gängen nicht vertraut und fand schließlich alle Ausgänge durch das Feuer versperrt. An den Vorhängen and anderen leicht entzündbaren Stoffen fand das Feuer neue Nahrung. Umsonst waren die Hilferufe des Eingeschlossenen. Niemand hörte ihn, vielleicht glaubten ihn die Geretteten auch gerettet.

So blieb ihm nichts anderes übrig, als sich durch einen Sprung durch das Fenster in die Tiefe in Sicherheit zu bringen. Und der Himmel belohnte die kühne Tat des Ritters. Unverletzt kam er unten an. Aber durch den Sprung bohrte sich der starke Stiefel in den Boden ein and hinterließ dort einen Fußstapfen, der heute noch zu sehen ist. Das Volk belegte diese sonderbar vertiefte Stelle auf dem Schloßaltan mit dem Namen Rittersprung

Aus Wilhelm Sigmund: Alt Heidelberg