Die Engelsköpchen am Ruprechtsbau

Zwei liebliche Zwillingsknaben waren die Freude des Baumeisters, der das Heidelberger Schloss gebaut hat. Um sie stets bei sich zu haben, hat er sie oft mitgenommen auf sein hohes Baugerüst und freute sich der schwindelfreien Jungen. Aber eines Tages tat der eine einen Fehltritt und riß den anderen mit in die Tiefe. Da ward der Meister schwermütig, also daß der Bau ins Stocken kam. Statt die Arbeit zu leiten, flocht der betrübte Vater täglich einen Rosenkranz, schmückte ihn mit weißen Rosen und trug ihn nach dem Friedhof bei der Peterskirche, wo seine Lieben beerdigt waren.

 

Kaiser Ruprecht aber ward böse, daß der Bau so langsam fortschritt und ließ durch den Priester, der die Kinder beerdigt hat, den Meister vermahnen. Der sagte, es sei alles fertig, aber wie er den Abschluß des Tores machen solle, falle ihm in seinem Gram nicht bei.

Der Priester tröstete, so gut er vermochte, und in derselben Nacht erschienen dem Vater seine Zwillinge als lichte Engel und brachten ihm den Rosenkranz vom Grabe zurück, den er am Morgen niedergelegt hatte. Als der Meister vom Licht der aufgehenden Sonne geweckt ward, gedachte er des lieblichen Traumes. Ihm war, als ob Rosenduft seine Stube erfüllte. Als er sich aufrichtete, siehe, da lag der Kranz frisch und duftig vor ihm, den er gestern auf das Grab seiner Kinder getragen hatte. Er hatte ihn auch am Abend welk dort liegen sehen; aber aus den weißen Rosen waren rote geworden.

Alsbald ward dem Meister offenbar, wie er den Abschluß des Tores zu bilden habe. Er meißelte seine Knaben, wie sie ihm erschienen waren, als liebliche Engelkinder, die einen Rosenkranz tragen. In der Mitte des Kranzes setzte er den Zirkel, das Sinnbild seiner Kunst, von der er für immer Abschied nahm. Um Johanni 1408 wurde der Schlußstein des Tores eingesetzt, und Kaiser Ruprecht selbst sprach den Weihespruch. Als er aber dem Baumeister seinen kaiserlichen Dank sagen wollte, war der Meister verschwunden. Während alle Glocken zusammenläuteten und mit ihren dunklen und hellen Tönen das Neckartal füllten, wanderte der Meister drüben am Berg den Michaelspfad hinan zum Kloster des Heiligenberges. Er ward ein Mönch und schaute aus seiner Zelle herüber nach dem Turme, der über den Gräbern seiner Lieben sich erhob, bis seine beiden Knaben ihm wieder erschienen, ihn mit Rosen kränzten und seine Seele holten in Abrahams Schoß.

Erzählt von Wilhelm Sigmund